Harry Potter und das verwunschene Kind von J.K. Rowling

Dieses Theaterstück ist in meinen Augen keine wirklich Fortsetzung im Sinne eines 8. Bandes der Harry Potter Reihe. Weder Handlung noch Charaktere erreichen deren Komplexität und Liebe zum Detail. Außerdem ist es ein Drehbuch, d.h. ausschließlich in Dialogen und Regieanweisungen verfasst.

Inhalt

Es war nie leicht, Harry Potter zu sein – und jetzt, als Angestellter des Zaubereiministeriums, Ehemann und Vater von drei Schulkindern, ist sein Leben nicht gerade einfacher geworden. Während Harrys Vergangenheit ihn immer wieder einholt, kämpft sein Sohn Albus mit dem gewaltigen Vermächtnis seiner Familie, mit dem er nichts zu tun haben will. Als Vergangenheit und Gegenwart auf unheilvolle Weise miteinander verschmelzen, gelangen Harry und Albus zu einer bitteren Erkenntnis: Das Dunkle kommt oft von dort, wo man es am wenigsten erwartet.

Meine Meinung

Hach, es war einfach so schön, mal wieder in die Welt von Hogwarts und der Zauberei abzutauchen! Die Handlung als solches ist nicht sonderlich komplex und kommt mit wenigen Hauptfiguren aus. Dennoch trifft man viele alte Bekannte wieder. Die Dialoge lassen sich gut lesen und haben mir schon den ein oder anderen Schmunzler entlockt.

Ein wenig Schade fand ich, dass Harry doch kein Auror geworden ist. Als es in den früheren Bänden um die ZAG’s ging – die ich übrigens in den Filmen schmerzlich vermisst habe – meine ich mich doch daran zu erinnern, dass nur das Fach Zaubertränke diesem Wunsch entgegenstand.

Die Eltern spielen aber insgesamt eher eine untergeordnete Rolle, was mir persönlich aber auch gut gefallen hat. Traurig fand ich nur, dass James, Lilly oder die Kinder weiterer Bekannter von Früher nicht viel Raum erhielten bzw. kaum mitspielten. Ich bin mir sicher, James hätte doch seinem kleinen Bruder beigestanden und ihm geholfen oder nicht? Und ist es nicht merkwürdig, dass Ginny nie mit Albus redet? Überhaupt steht es schlecht um die weiblichen Charaktere in diesem Stück, es gibt nicht eine wirkliche Hauptdarstellerin.

Hogwarts ist für Harrys jüngeren Sohn Albus leider bei Weitem nicht das, was es für seinen Vater war. Während seine Freundin und Cousine Rose, die Tochter von Hermine und Ron, eine Gryffindor wird, schickt der sprechende Hut ihn nach Slytherin. Ein Potter in Slytherin scheint ganz unglaublich, was seinerseits unglaublich scheint, denn schließlich kam der beeindruckendste Zauberer des Hogwarts-Universums, Severus Snape, aus diesem Haus. Passenderweise freundet sich Albus bereits auf der Zugfahrt nach Hogwarts mit dem Sohn von Draco Malfoy an. Scorpius scheint aber nicht wirklich nach seinem Vater zu kommen, denn der Charakter ist mir von Anfang an sympathisch. Dennoch missbilligt Harry diese Freundschaft und Rose wendet sich ebenfalls von Albus ab. Das ist für mich die erste Unstimmigkeit in der Geschichte: Während man Harry im Epilog des siebten Teils als liebevollen, empathischen Vater kennenlernt, scheinen Vater und Sohn im Theaterstück nicht wirklich zueinanderzufinden. Erklärt wird dies mit der angeblichen, aber augenscheinlichen Verschiedenartigkeit beider Figuren. Dabei wird der Konflikt zwischen Harry in seiner Rolle als Vater und Albus, dem dessen Fußstapfen eindeutig ein paar Nummern zu groß sind, durchaus einfühlsam beschrieben.

Die Zeitreisenproblematik…

Ich muss gestehen, dass ich nicht so die mega Zeitreisenexpertin bin, weder im Star Trek- noch im Marvel- oder sonst irgendeinem Universum. Daher war ich eigentlich recht froh, dass das Thema Zeitreisen in den Harry Potter Büchern ganz schnell wieder von der Bildfläche verschwunden ist. Nun gut: im Theaterstück ist es wieder da.

Wenn ich mich recht erinnere, wird im dritten Band gesagt, dass man höchstens fünf Stunden in die Vergangenheit reisen könne, bevor man selbst ernsthaften Schaden nimmt. Außerdem wäre es unmöglich, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Genauer betrachtet, haben Hermine und Harry in „…der Gefangene von Askaban“ also gar nicht wirklich was verändert, als sie in der Zeit zurückreisten, denn es ist ja bereits alles so passiert, wie sie es erlebt haben. Den Stein, der in Hagrids Fenster geworfen wird, schmeißt Hermine selbst, das Wolfsgeheul stammt aus ihrem Mund und der Patronus war Harrys. Dadurch, dass die beiden in der Zeit zurückreisen, lassen sie die Dinge erst so passieren, wie sie passiert sind. Nach dieser Logik wären alternative Realitäten, wie sie im Theaterstück vorkommen, eigentlich gar nicht möglich. Daran ändert auch der neue Zeitumkehrer nichts, mit dem man so weit in die Vergangenheit reisen kann, wie man möchte, wenngleich die Verweildauer auf fünf Minuten beschränkt ist. Er wird von Hermine im Ministerium für Magie aufbewahrt. Um allen bzw. wohl insbesondere seinem Vater zu beweisen, dass auch er etwas zum Guten verändern kann, entwickelt Albus gemeinsam mit Scorpius den fatalen Plan, mit der Hilfe des Zeitumkehrers Cedric Diggory zu retten; etwas, das seinem Vater nie gelungen ist. Der Plan klingt durchdacht, ist Cedric doch der „überflüssige“ Tote. Gesagt getan, doch leider verändern sie mit dieser Aktion die nachfolgende Realität – und zwar nicht unbedingt zum Positiven. Immer wieder springen sie zurück und versuchen, ihre Fehler wieder auszubügeln, was aber nur immer wieder neue Korrekturen erforderlich macht. Und so las ich mich durchaus vergnügt durch verschiedene alternative Realitäten, die allesamt in sich recht schlüssig daherkommen und mal erschreckend, mal witzig auf den Leser wirken. Durch die Rücksprünge in die Vergangenheit werden Erinnerungen geweckt und in den Paralleluniversen werden Tote lebendig und einst Überlebende sind gestorben.

Fazit

Trotz der vielleicht eher negativ anmutenden Kritik hat mir das Theaterstück gut gefallen. Ich habe im Vorfeld viele abwertende Stimmen dazu gehört, aber mich hat bislang eher der Stil des Drehbuchs abgehalten. Eventuell hatte ich daher eher geringe Erwartungen oder auch gar keine, weswegen es mir leicht fiel, das Buch zu mögen. Vielleicht aber auch, weil ich es nicht so sehr als Fortsetzung gesehen habe, sondern als kleines Add on oder Fanfiction; eben eine Möglichkeit in Erinnerungen zu schwelgen. Und das hat hervorragend geklappt und bei mir die Lust geweckt, sämtliche Romane erneut zu lesen.

Was Harry Potter Fans jedoch klar sein sollte, ist, dass Zeitreisen die Geschichte erst möglich machen und daher den dominanten Part einnehmen. Die Zauberei tritt dabei etwas in den Hintergrund.

Ebenfalls nicht vergessen darf man, dass es ein Theaterstück ist und kein Roman. Wirklich ans Herz geht einem das Buch daher nicht, da die erzählenden Passagen fehlen. Und Regieanweisungen lassen den Leser eben nicht in die Gedanken- und Gefühlswelt der Charaktere eintauchen.

Das Theaterstück auf der Bühne…

…lohnt sich aber alle Mal, denn die Atmosphäre dabei ist etwas ganz Besonderes!

Biografie

Titel: Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei

Autor*innen: J.K. Rowling, John Tiffany, Jack Thorne

Verlag & Copyright: Carlsen

Seitenzahl: 320

Erscheinungstermin: 04. Dezember 2021

Preis: 20 € (Hardcover)

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