Blackout – Morgen ist es zu spät von Marc Elsberg

2012 habe ich mit „Blackout“ meinen ersten Wissenschaftsthriller gelesen. Und als ich hörte, dass die Geschichte als Netflixserie verfilmt wird und noch dazu eine Jubiläumsausgabe erscheint, kam ich weder am binge watching noch am reread vorbei.

Klappentext

An einem kalten Februartag brechen in Europa alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Der italienische Informatiker Piero Manzano vermutet einen Hackerangriff und versucht, zu den Behörden durchzudringen – erfolglos. Als Europol-Kommissar Bollard ihm endlich zuhört, werden dubiose E-Mails auf seinem Computer gefunden. Selbst unter Verdacht wird Manzano eins klar: Ihr Gegner ist ebenso raffiniert wie gnadenlos. Unterdessen liegt Europa im Dunkeln, und die Menschen stehen vor ihrer größten Herausforderung: Überleben.

Charaktere und Handlung

Die Geschichte wird uns auf 791 Seiten erzählt und keine davon ist zu viel. Grund sind die vielen verschiedenen Handlungsstränge, die zum einen natürlich durch den Blackout zum anderen aber auch über die Figuren miteinander verbunden sind. Die Struktur ist komplex, d.h. man braucht ein Wenig, um rein zu kommen. Mir hat das aber gut gefallen, denn es ist eine extrem raffinierte Story.

Die Geschichte beginnt in Italien bei unserem Protagonisten, dem Italiener und IT-Spezialisten Piero Manzano. Durch seine technischen Fähigkeiten erfasst er die Ereignisse schneller als Polizei oder Europol. Doch als er der Wahrheit zu nahe kommt, gerät er selbst ins Visier der Ermittler.

Unterstützung findet er zunächst in seinem Nachbarn Bondoni und später in der Journalistin Shannon. Beide dienen dazu, technische Begriffe und Prozesse für die Lesenden in Alltagssprache zu übersetzen. Außerdem bring Shannons etwas zu gutgläubig gezeichneter Charakter beide immer wieder in Schwierigkeiten, was natürlich gewollt ist, um die Handlung voranzutreiben.

Ein anderer Handlungsstrang spielt sich bei der Taelefer AG ab. Von ihr sind die sogenannten Smartmeter, durch die sich die Verantwortlichen ins Stromnetz gehackt haben. Natürlich versucht die Firma alles, um jegliche Schuld von sich zu weisen und die Ermittlungen so weit wie möglich zu beeinflussen.

Selbstverständlich begleiten wir auch die Ermittler der verschiedenen Behörden, die mal mehr, mal weniger sympathisch erscheinen. Ihr Handeln kann man aber eigentlich immer nachvollziehen. Uns wird glaubhaft dargestellt, dass aus ihrer Perspektive nun mal einiges gegen Manzano sprach.

Einen interessanten Subplot bildet die Familie von Kommissar Bollard. Mit den besten Absichten schickt er seine Schwiegereltern zu seinen Eltern, die einen Hof haben und damit relativ gut gerüstet für einen längeren Stromausfall scheinen. Allerdings leben sie in der Nähe eines Kernkraftwerkes, das ihnen noch zum Verhängnis werden soll.

Jetzt fehlt nur noch die politische Seite. Dafür erhalten wir zum einen Einblicke in die deutsche Regierungsarbeit und zum anderen lernen wir Sonja Angström, die bei der EU in Brüssel arbeitet, kennen. Sie und Manzano gefallen mir in dem Roman am besten.

Besonders interessant sind die Kapitel, die in den verschiedenen Kraftwerken spielen. An ihnen wird deutlich, mit welchen Problemen die Mitarbeiter:innen dort konfrontiert sind.

Später gesellt sich auch die sog. „Kommandozentrale“ dazu, die den Stromausfall zu verantworten haben.

Meine Meinung

Für mich geht die Faszination dieses Buches davon aus, dass ich durch die Lektüre realisiere, in welch extreme „Elektrizitätsabhängigkeit“ sich hochentwickelte Gesellschaften begeben. D.h. der Autor erzeugt den „Thrill“ durch seine präzise Recherche und der damit verbundenen Authentizität der Handlung. Außerdem behandelt der Roman mit seiner Thematik zahlreiche Fragestellungen.

Ein besonders raffinierter Gedanke ist der, dass zunächst nur in Europa der Strom ausfällt, woraufhin andere Länder ihre Hilfe anbieten. Doch will man diese von Russland oder China annehmen? Was ist, wenn sie hinter dem ganzen stecken? Das bringt die Geschichte auf eine außenpolitische Lage und man stellt sich die Frage, ob man wirklich Menschen verhungern lassen kann, nur um nicht in der Schuld Russlands zu stehen.

Sprachstil

Der Roman ist unglaublich spannend geschrieben und trotz der komplexen technischen Thematik ein echter Pageturner. Die Auflösung beinhaltet einen Twist der ebenso erschreckend wie grandios ist. So eine Art „Ich sehe tote Menschen“ (The sixt sense) Augenblick…

Das Buch wirkt definitiv nach und regt zum Nachdenken an. Ich habe während der Lektüre andauernd mit meinem Mann über die Thematik gesprochen. Ich meine, wie viel Bargeld habt ihr? Wenn der Strom weg ist, funktionieren weder Kartenzahlung, Geldautomaten noch Banktresore.

Jubiläumsausgabe

Zum Jubiläum hat der Blanvaletverlag eine besonders schöne Schmuckausgabe herausgegeben mit schwarzem Anschnitt, Lesebändchen und viel Zusatzmaterial. Dadurch wird das Hardcover aber auch recht schwer und unhandlich beim Lesen.

Als Schmankerl gibt es ein kleines Sequel, allerdings mit anderen Charakteren, das 10 Jahre nach der Blackoutkatastrophe angesiedelt ist und darauf Bezug nimmt.

Sehr interessant fand ich die Idee, im Anschluss an die Geschichte einige Expert:innen zur Thematik, zu Wort kommen zu lassen. Wir erfahren, wie realistisch das Szenario wirklich ist und was man daraus lernen kann. Einzig die Rezepte für den nächsten Stromausfall hätte es für mich jetzt nicht gebraucht…

Ein Buch, das verändert

So gesehen leistet Marc Elsberg mit dem Buch einiges an Aufklärungsarbeit, weil es die Auswirkungen auf die verschiedensten Lebensbereiche aufzeigt: angefangen bei Tankstellen über Krankenhäuser bis hin zu Atomkraftwerken. Durch die Lektüre wird man für die Thematik sensibilisiert.

Auch wenn es mir etwas unrealistisch erscheint, dass auch schon auf dem Land nach einer Woche das totale Chaos herrschen soll, muss ich zugeben, dass wir nur so einen gut gefüllten Vorratskeller haben, weil ich vor 10 Jahren Blackout gelesen habe.

Hamsterkäufe wurden zu Beginn der Pandemie ziemlich verteufelt, doch eine umsichtige Vorratshaltung entlastet die verschiedenen Infrastrukturen im Ernstfall, wenn alle, denen es möglich ist, zunächst ohne Unterstützung auskommen.

Ein Wort zur Verfilmung

Das Buch wurde mit Moritz Bleibtreu verfilmt.

Dazu gibt es ein Interview mit Drehbuchautor, Regisseur und Produzentin der Serie. Ich habe sie bereits geschaut und muss leider sagen, dass mir die Umsetzung nicht gefallen hat. Zum einen wurden Charaktere raus und neue reingeschrieben. Manche Figuren bekommen eine größere Rolle oder weitreichendere Hintergrundgeschichten (wie bspw. Manzano selbst).

Meine Lichtblicke bei der Lektüre waren zum einen die Tatsache, dass Manzano nicht aufgibt und zum anderen die beginnende Liebesgeschichte. Doch gerade letztere hat man in der Serie durch einen wesentlich dramatischeren Plot ersetzt, was mir überhaupt nicht gefiel. Das Schlimmste daran war jedoch, dass sich dadurch die Stimmung zum Schluss der Geschichte völlig verändert hat: düster und nüchtern, ganz anders als im Buch.

Im Interview werden dafür zwar Erklärungen angeboten, die mich aber allesamt nicht überzeugen konnten.

Hinzu kommt, dass Situationen viel härter dargestellt werden und die Menschen schon viel früher zu den fiesesten Methoden greifen. Das ist im Buch wesentlich besser gelöst. Als Leser:in erlebt man mit, wie sich die anfängliche große Hilfsbereitschaft ganz langsam in Egoismus wandelt, je mehr sich die Überlebenssituation zuspitzt.

Meine Empfehlung lautet daher ganz eindeutig: Lest das Buch (die ursprüngliche Taschenbuchausgabe ist völlig ausreichend) und vergesst die Serie.

Fazit

Einer der besten Wissenschaftsthriller, den ich je gelesen habe. Heute ebenso aktuell wie vor 10 Jahren.

Eine raffinierte Geschichte, erschreckend realistisch, fesselnd geschrieben und mit authentischen Charakteren.

Wärt ihr vorbereitet?

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: BLACKOUT. Morgen ist es zu spät
Autor: Marc Elsberg
Verlag und Copyright: Blanvalet
Seitenzahl: 896
Erscheinungsdatum: 25. Oktober 2021
Preis: 25€ (Hardcover mit Schutzumschlag)

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