Das Gedächtnis der Tiere von Claire Fuller

Meine Begeisterung für Oktopoden hat Sy Montgomery mit ihrem wunderbaren Sachbuch „Rendezvous mit einem Oktopus“ vor einigen Jahren geweckt. Seitdem haben diese faszinierenden Tiere einen festen Platz in meinem Herzen. Daher hatte mich „Das Gedächtnis der Tiere“ schon beim Cover…

Klappentext

Rasend schnell breitet sich das Virus über die ganze Welt aus und die Menschen verlieren nach und nach ihre Erinnerungen. Auf der Suche nach einem Gegenmittel nimmt eine kleine Gruppe Freiwilliger an einem lukrativen Experiment teil. Unter ihnen: die 27-jährige Meeresbiologin Neffy. Neffy braucht das Geld. Ihr Arbeitgeber hat sie verklagt, weil sie einen Oktopus aus einem Labor befreit hat, der in ihr seltsame Erinnerungen an ihre Kindheit wach rief. Als das Experiment zutage fördert, dass das Gegenmittel nur bei Neffy wirkt, kippt die Stimmung in der Gruppe. Und Neffy versucht, irgendwie zu ihrem Stiefbruder Justin zu entkommen, von dem sie annimmt, dass er 100 Kilometer entfernt an der Küste Dorsets auf sie wartet.

Meine Meinung

Ich muss gestehen, dass „Das Gedächtnis der Tiere“ zu den Büchern gehört, die mich ein wenig ratlos zurückgelassen haben. Ich habe während des Lesens immer wieder das Gefühl gehabt, dass ich nicht alles verstehe bzw. manche Zusammenhänge an mir vorbeigehen. Vielleicht wäre es mir – ähnlich wie bei „New York Ghost“ – leichter gefallen, die Geschichte vor der Covid-19 Pandemie zu lesen. Die Parallelen zur Realität haben meine Lektüre jedenfalls spürbar beeinflusst.

Dabei hat der Roman eine unglaublich faszinierende und zugleich beängstigende Grundidee. Ein Virus, das nach und nach sämtliche Erinnerungen auslöscht, sorgt für eine düstere Atmosphäre, die mich von Anfang an beschäftigt hat. Sofort hatte ich jhatte ich die Frage im Kopf, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn seine Erinnerungen verschwinden? Diesen Gedanken fand ich besonders interessant und glaube, dass sich das Buch daher auch gut zum Diskutieren in einem Lesekreis eignet, denn es regt dazu an, über Identität, Menschlichkeit und darüber nachzudenken, wie schnell gesellschaftliche Regeln in Krisenzeiten ins Wanken geraten.

Das Setting eines medizinischen Forschungslabors hat mir ebenfalls gut gefallen. Die Dynamik innerhalb der Versuchsgruppe verändert sich mit jeder neuen Erkenntnis und veranschaulicht, wie Neid, Misstrauen und Verzweiflung entstehen können, wenn Menschen unter enormem Druck stehen. Gleichzeitig wirft das Buch Fragen medizinischer Forschungsethik auf. Am reizvollsten fand ich jedoch die Idee des sogenannten Revisitators – eine Art Virtual-Reality-Technologie, mit der Erinnerungen aus der eigenen Vergangenheit erneut erlebt werden können. Da der Virus eigene Erinnerungen verdrängt, kann diese Technik richtiggehend süchtig machen. Und die „eigenen“ Erinnerungen als Rückzugsort vor der Realität aufzusuchen, wurde schaurig nachvollziehbar dargestellt.

Insgesamt schreibt Claire Fuller flüssig und bildhaft. Ich hatte häufig das Gefühl, gemeinsam mit Neffy in ihrem kleinen Zimmer zu sitzen oder ihre Erinnerungen unmittelbar mitzuerleben, sobald der Revisitator zum Einsatz kam. Die bedrückende, dystopische Stimmung zieht sich konsequent durch den gesamten Roman und die Autorin versteht es hervorragend, das Forschungslabor als beklemmenden Ort vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen. Gleichzeitig entwickelt sich die Handlung eher langsam. Mich hat das zwar nicht davon abgehalten weiterzulesen, trotzdem hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Tempo gewünscht.

Mit Neffy selbst bin ich allerdings nicht so richtig warm geworden. Obwohl die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird, blieb sie für mich überraschend auf Distanz. Ihre Gedanken konnte ich nachvollziehen, emotional hat sie mich jedoch nur selten erreicht. Die übrigen Figuren sind nur soweit ausgearbeitet, wie es die Handlung verlangt. Mehr war hier aber auch nicht nötig.

Etwas zwiegespalten war ich bei den zahlreichen Themen, die der Roman miteinander verbindet: die Pandemie, medizinische Forschung, Virtual Reality, Oktopoden, zwischenmenschliche Konflikte und eine verbotene Liebesgeschichte – das wirkte auf mich stellenweise etwas überladen. Vor allem die Briefe Neffys an „H.“, in denen sie über Oktopoden schreibt, konnten mich nicht wirklich abholen. Vielleicht kenne ich mich aber auch durch Sy Montgomeries Buch einfach schon zu gut mit diesen Tieren aus. Und die Liebesgeschichte zwischen Neffy und ihrem Stiefbruder hätte es für meinen Geschmack gar nicht gebraucht.

Fazit

Trotz meiner Kritikpunkte hat mich „Das Gedächtnis der Tiere“ echt beeindruckt. Es ist kein leicht zugänglicher Roman und sicher auch kein Buch, das man einfach nebenbei liest. Wer ruhige, psychologisch geprägte Dystopien mit philosophischen Fragestellungen schätzt und sich auf eine eher langsame Erzählweise einlassen kann, dürfte hier aber eine außergewöhnliche Geschichte entdecken.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar vom Kjona Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: Das Gedächtnis der Tiere

Autorin: Claire Fuller

Übersetzung: Andrea O‘ Brien

Verlag & Copyright: Kjona

Seitenzahl: 336

Erscheinungstermin: 21.04.2026

Preis: 25 € (Hardcover)

Beitrag erstellt 501

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben