Die Frau von Montparnasse von Caroline Bernard

Dass Lesen bildet, ist wohl allgemein bekannt. Doch wie sehr es Lücken in der Allgemeinbildung zu schließen vermag, zeigt sich beispielhaft an diesem Buch. Simone de Beauvoir war mir natürlich schon vorher ein Begriff. Und auch von Jean Paul Sartre hatte ich bereits gehört. Doch dass und wie eng diese beiden Namen miteinander verbunden waren, erfuhr ich erst durch die Lektüre „Die Frau von Montparnasse“. Weder von ihr noch von ihm hatte ich je einen Text gelesen.

Den Ausschlag für den Erwerb dieses Buches gab zum einen die Autorin Caroline Bernard und zum anderen mein Buddyread Ninespo. Gemeinsam fühlten und diskutierten wir uns nämlich schon durch ihre erste Romanografie „Frida Kahlo und die Farben des Lebens“ aus der gleichen Reihe.

Klappentext

Die große Philosophin Simone de Beauvoir und die Liebe in Freiheit

Paris, 1929: Die junge Simone will studieren – und schreiben. Dann begegnet sie Jean-Paul Sartre, Enfant terrible, Genie und bald ihr Geliebter. Sie schließen einen Pakt, der ihre Liebe und dabei sexuelle Freiheit sichern soll. Gemeinsam formulieren sie die Philosophie des Existenzialismus, sind der Mittelpunkt der Pariser Bohème. Doch ihren Traum vom Schreiben kann Simone nicht verwirklichen – die Verlage lehnen ihre Texte als »unpassend« ab. Und auch um die Beziehung zu Sartre muss sie kämpfen. Denn: Wie lässt sich eine große Liebe mit dem Streben nach Freiheit vereinbaren?

Meine Meinung zur Handlung

In einer Welt, in der Frauen keine anderen Vorbilder hatten als Hausfrauen und Mütter, wurde Simone de Beauvoir kurzerhand selbst zu einem und arbeitete stetig daran, ihrem Wunschbild zu entsprechen. Die Autorin zeigt uns in dem Roman, wie sich eine junge Frau von allem konventionellen und bürgerlichem zu befreien versucht und zum großen Freigeist Simone de Beauvoir heranwächst. In der Geschichte selbst beschränkt sich Caroline Bernard auf die erste Lebenshälfte, zeigt jedoch im Nachwort kurz auf, wie es mit ihr weiterging. Das hat mir gut gefallen, denn es gab der Handlung den benötigten Raum und kam auf den letzten Seiten zu einem Schluss, der keine Fragen offen ließ.

In der Natur der Charaktere begründet, geht der Roman weit tiefer als gedacht und mutet ausgesprochen philosophisch an. Der Nähe zur Philosophie ist vermutlich auch die Tatsache geschuldet, dass sich die Handlung immer um irgendwelche Liebeleien und Affären dreht. Doch anders ließ sich wohl die Idee sexueller Freiheit bzw. der Weg zum Existenzialismus nicht transportieren. Was deutlich wird: Simone und Sartre formen die Welt nach ihren Wünschen.

Charaktere

Die Figur der Simone de Beauvoir finde ich sehr spannend, gerade weil ich ihre Sicht auf die Welt und Lebensweise so gar nicht nachvollziehen kann. Mein durch und durch konventioneller Charakter wäre ihr vermutlich ein Dorn im Auge. Daher hat mich die Art und Weise, wie sie andere Frauen dafür verurteilt, ein bürgerliches Leben zu wollen, schon etwas traurig gemacht.

Dabei hat sie selbst sehr lange gebraucht, um ihren inneren Zwiespalt zu überwinden: hin- und hergerissen zwischen dem absoluten Wunsch jeglichen Konventionen abzuschwören und ihrem Herzen, das diesem Wunsch mehr als einmal im Wege steht.

So ertappt sich Simone immer und immer wieder dabei, etwas zu wollen, was ganz und gar bürgerlich ist. Doch dann zerdenkt sie das Problem regelrecht und korrigiert ihr Verhalten gemäß ihrem einzigen Leitbild, Unkonventionell zu sein. Darüber hinaus scheint sie immer nur darüber zu sprechen, worüber sie alles schreiben könnte, tut es aber nicht. Jede Ablenkung scheint ihr Willkommen: seien es Korrekturen der neuesten Werke von Sartre, Partys oder ihre zahlreichen Affären. Dieser sehr ausführlich beschriebene harte Weg von der bürgerlichen Simone zur unkonventionellen die Freiheit über alles stellenden Schriftstellerin de Beauvoir, macht die Lektüre jedoch mitunter etwas anstrengend.

Vielleicht gefiel mir die Protagonistin im letzten Drittel des Romans deshalb am so gut, weil sie bei ihrem Vorbild angekommen zu sein scheint.

Was ich nicht erwartet hatte, aber ungemein interessant fand, war die detaillierte Ausarbeitung von Sartres Charakter. Ich habe ebensoviel über ihn wie über die Protagonistin erfahren.

Im Gegensatz zu anderen berühmten Paaren, würde ich bei Simone und Sartre nicht von einer toxischen Verbindung, ja noch nicht mal von einer Liebesbeziehung sprechen; denn es ist viel mehr als das. Ich wüsste nicht, wann das Wort „Seelenverwandtschaft“ besser gepasst hätte, als für diese beiden Figuren. Das Körperliche lassen sie schnell hinter sich, dafür haben sie andere Partner:innen. Aber das Geistige, die intellektuelle Kompatibilität sucht seines gleichen.

Ein paar Unstimmigkeiten in den Figuren sind mir jedoch schon aufgefallen, wobei ich nicht sagen kann, ob sie in den echten Personen oder der Adaption der Autorin begründet sind: So hält Sartre Trauer für überflüssig, obwohl sie doch gerade bei Kunsttreibenden beträchtlichen Einfluss auf deren Werke hat. Logik ist selbstverständlich ein philosophisches Konstrukt, aber sollte ein guter Denker und Philosoph nicht auch Zugang zu seinen Gefühlen haben?

Buddyread/Leserunde

Wie ihr seht, ist dies in keinem Fall ein Roman zur Einzellektüre. Jedes Kapitel schreit förmlich danach, diskutiert zu werden. Dabei kann es schon sein, dass man sich im Philosophieren verliert und ebensoviel Zeit damit verbringt, wie mit der Lektüre selbst.

Atmosphäre und Setting

Hach, Paris! Es ist doch eigentlich unmöglich, ein schlechtes Buch zu schreiben, das in der Stadt der Liebe spielt, n’est-ce pas? Die Stimmung im Roman ist tatsächlich sehr besonders und bietet größtmögliches Fernwehpotenzial, wie gern würde ich jetzt durch den Jardin du Luxembourg schlendern.

Ich will mehr…

Im sehr persönlich gefärbten Nachwort erfahren wir, dass Simone de Beauvoir ein großes Vorbild für die Autorin war und sie sie regelrecht verehrt. So bleibt sie mit ihrem Roman zwar sehr dicht an der Biografie, aber man merkt ihm die rosarote Brille schon ein wenig an.

Wie schon bei Frida Kahlo hat Caroline Bernard auch hier wieder hervorragende Recherchearbeit geleistet. Natürlich wird im Buch auch auf zahlreiche Lektüren verwiesen. Leider muss ich gestehen, dass ich nicht eine davon kannte. Das wird sich aber ändern, denn die Autorin konnte in mir definitiv den Wunsch wecken, etwas von Simone de Beauvoir aber auch von Jean Paul Sartre selbst lesen zu wollen.

Fazit

Der Roman beschreibt nicht nur die Personen Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre, deren Beziehung oder Leben. Er lässt uns gleichzeitig auch an der Entstehung ihres Gedankenguts teilhaben, was es zum einen äußerst interessant macht, aber zum anderen auch etwas anstrengend zu lesen.

Dennoch hat mir der Roman sehr gut gefallen, auch wenn man meiner Ansicht nach noch ein wenig mehr aus Figuren und Geschichte hätte herausholen können.

Wenngleich ich die Lebensweise der Protagonistin immer noch nicht nachvollziehen kann, habe ich jetzt eine Ahnung, welchen Beitrag sie zur Frauenbewegung geleistet hat. Und allein das macht das Buch unglaublich lesenswert!

Infos

Titel: Die Frau von Montparnasse
Autorin: Caroline Bernard
Verlag und Copyright: Aufbau Verlag
Seitenzahl: 488
Erscheinungsdatum: 15. Februar 2021
Preis: 12,99 € (Klappenbroschur)

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