Die Kunst ein kreatives Leben zu führen von Frank Berzbach

Ich weiß noch, dass ich an der Kasse der Buchhandlung angesichts des stolzen Preises für dieses Taschenbuch doch etwas geschluckt habe. Um ehrlich zu sein, habe ich nämlich gar nicht darauf geachtet, was es kostet. Aber Klappentext und die ersten Seiten hatten mich sofort zum Kauf verleitet. Und was soll ich sagen: Das Buch ist jeden Cent wert!

Das Cover ist sehr hochwertig und ansprechend gestaltet. Der Einband hat einen Stoffcharakter und mir gefällt auch die Farbwahl.

Wie gesagt, hatte mich Frank Berzbach bereits nach den ersten Seiten am Haken. Auch wenn Sprachstil und Thema anspruchsvoll sind und konzentriertes Lesen erfordern, habe ich sein Werk an einem Nachmittag verschlungen.

Das Buch ist in sechs Hauptkapitel unterteilt, die sich wiederum in einige Unterabschnitte gliedern. Die Kapitel sind auch optisch mit einer farbigen Trennseite gekennzeichnet, auf der jeweils eine andere geometrische Form abgebildet ist. Einen tieferen Hintergrund konnte ich dabei jedoch nicht entdecken.

1. Das Leben als Atelier

Das Buch richtet sich an Personen, die im kreativen Bereich arbeiten. In diesem Kapitel werden viele Probleme gestalterischer Tätigkeiten angesprochen. In einigen konnte ich mich wiederfinden, andere waren mir neu. Alles jedoch war logisch aufgebaut und erläutert.

2. Die Kunst zu arbeiten

Nur wo es Reibung gibt, kann Glanz entstehen!

Frank Berzbach (2019): Die Kunst ein kreatives Leben zu führen, S. 72

Das zweite Kapitel war ausgesprochen spannend und gab mir viele Denkanstöße.

Lt. dem Autor kommt es darauf an, warum wir etwas tun und ob wir sinnvoll finden, was wir machen. Nur so hätten wir die Möglichkeit unsere Akkus auch wieder aufzuladen. Schuften wir hingegen aus Gründen wie Ehrgeiz, Konkurrenz oder Perfektionismus, schöpfen wir unsere Energie aus „trüben Quellen“ und sind damit auf dem besten Wege zum Burnout (Vgl. S. 52). Diesen Gedanken fand ich sehr interessant und ich werde ihn für mich in jedem Fall einmal durchspielen, denn in Punkten Ehrgeiz und Perfektionismus bin ich definitiv schuldig…

Das Buch bietet aber auch humorvolle Einlagen. Über Immanuel Kants Definition der Faulheit als „Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit“ (S. 46) musste ich so schmunzeln!

3. Kreativität ist eine stille Angelegenheit

In diesem Kapitel geht es um Stille. Aber auch um Mut. Denn sich zurückzuziehen und ohne äußere Ablenkungen mit sich selbst zu beschäftigen erscheint beängstigend. Doch anscheinend kann man nur so „zur Ruhe“ kommen, indem man nicht mehr vor sich selbst und den eigenen Stimmen im Kopf davonläuft. Ich frage mich, ob ich es wagen und auch aushalten würde, einen ganzen Tag zu schweigen?

4. Leben und Leiden

Der Titel dieses Kapitels beschreibt eigentlich schon perfekt dessen Inhalt. Sehr gut fand ich hier Definition und Hinweise auf „echte“ klinische Depressionen.

Eine Übung scheint für mich lohnenswert zu sein: Ich soll also aus meinem Perfektionismus eine Figur in meinem Kopf machen und diesem Dämon dann einen Namen geben. Anschließend könnte ich es schaffen, ihn mit einer klaren Ansage im persönlichen Gespräch zu verbannen. Na, ob das wohl klappt!

5. Kreativität und Spiritualität

Dieses Kapitel beginnt mit einem kleinen Abschnitt zum Thema Glück. Auch hier konnte ich etwas Neues entdecken und war schockiert! Als passionierte Grüblerin fühlte ich mich sofort bei dem Satz ertappt, dass übermäßige Grübelei dem persönlichen Glück im Wege stünde. Dabei sind „Was wäre wenn…“ oder „Hätte ich nur“ aus meinem Gedankenschatz doch gar nicht wegzudenken! Aber es kommt noch schlimmer: Laut Herrn Berzbach mindert Grübelei Konzentrationsfähigkeit und Kreativität! Und um das Triple komplett zu machen wird auch noch erklärt, dass diejenigen, die über das Glück nachdenken und danach streben, zu den Unglücklichen zählen. Heißt das jetzt, jedes neue Buch über Glück macht eigentlich unglücklich? Denkt mal drüber nach!

Doch das Kapitel hat noch mehr zu bieten. Bspw. gibt es einen ganz interessanten Abschnitt zum Thema Wut.

Allerdings folgt auch ein Abschnitt, mit dem ich nicht ganz einverstanden bin.

Kunst kommt von Können „Eine Idee, die aufgrund mangelnder Fähigkeiten nicht umgesetzt werden kann, ist wertlos.“

Frank Berzbach (2019): Die Kunst ein kreatives Leben zu führen, S. 155

Der Autor postuliert eine Vernachlässigung der handwerklichen Fähigkeiten. Kopf und Hand zu trennen, sei schadhaft. Allerdings missfällt mir seine einseitige Darstellung. Immer werden nur Arbeitgeber als Negativbeispiele herangezogen. Es erweckt den Anschein, als gäbe es nur Ausbeutungsbetriebe. Er vernachlässigt die andere Perspektive: Es gibt auch Arbeitnehmer, die egoistisch versuchen, das für sie Beste aus dem Job herauszuschlagen, ohne Rücksicht auf Kollegen, Firmen- oder Kundeninteressen.

6. Eine Schale Tee

Den Abschluss bildet ein Appell zum Müßiggang. Die Arbeit immer mal wieder zu unterbrechen, um beispielsweise ganz bewusst eine Tasse Tee zu trinken. Allein und ohne nebenbei kurz die Emails zu checken. Also eher eine Art Teezeremonie, ganz nach fernöstlicher Tradition. Ich habe nach diesem Kapitel tatsächlich Ingwer geschält, in Scheiben geschnitten, mir etwas Minze abgezupft, Wasser gekocht und mir einen wunderbaren Ingwer-Minz-Tee schmecken lassen. Ohne Instagram, ohne Smalltalk. Ich habe auf den Wind gehört, der die Jalousien durchrüttelt und die Stimmen in meinem Kopf zu Wort kommen lassen. Seeehr spooky!

Fazit

Dieses Buch ist ausgesprochen inspirierend und bietet viele interessante Zitate und Denkanstöße. Außerdem enthält es einen schier unerschöpflichen Schatz an weiterführenden Literaturhinweisen. Auch lassen sich immer wieder kleine Handlungsempfehlungen finden, abgeleitet aus der zusammengetragenen Literaturrecherche. Viel speist sich aus den Lehren des ZEN-Buddhismus, aber auch andere spirituelle Lehren werden herangezogen.

Was ich aus diesem Buch mitnehme, ist, mehr im Hier und Jetzt sowie mir meiner jeweiligen Rolle bewusst zu sein. Ersteres versuche ich schon seit Längerem, aber ich muss sagen, dass es verflixt schwer ist… Auch die Frage, warum ich etwas tue, möchte ich zukünftig anders beantworten, um wieder mehr Sinn in meinen beruflichen Tätigkeiten zu finden.

Als Quintessenz kann man festhalten, dass der Schlüssel zur Kreativität in Konzentrationsfähigkeit und innerer Ruhe liegt. Also: öfter mal tief durchatmen!

Infos

Titel: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen

Autor: Frank Berzbach

Verlag und Copyright: Verlag Hermann Schmidt

Seitenzahl: 206

Erscheinungstermin: 25. November 2019 (10. Auflage)

Preis: 29,80 € (Taschenbuch)

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