Frida Kahlo und die Farben des Lebens von Caroline Bernard

Ich liebe Romane, die auf wahren Figuren basieren. Dabei lernt man nebenbei immer so viel über Geschichte, Land und Leute sowie die Zeit, in der sie gelebt haben. Künstlerinnen haben es mir besonders angetan. Bereits von Mary Bassons Buch „Die Malerin“ war ich begeistert. Den Namen „Frida Kahlo“ hatte ich schon einmal gehört, aber wirklich zuordnen konnte ich ihn nicht. Der Roman von Caroline Bernard hat mich mit dem schönen Cover und dem neugierig machenden Klappentext angelockt. Und hätte ich da schon gewusst, wie schnell ich dieses Buch wegsuchten würde, wäre es gar nicht erst auf meinem SuB gelandet sondern direkt über die Couch in mein Bücherregal eingezogen!

Klappentext

Mexiko, 1925: Frida will Ärztin werden, ein Unfall macht dies zunichte. Dann verliebt sie sich in das Malergenie Diego Rivera. Mit ihm taucht sie in die Welt der Kunst ein, er ermutigt sie in ihrem Schaffen – und er betrügt sie. Frida ist tief verletzt, im Wissen, dass Glück nur geborgt ist, stürzt sie sich ins Leben. Die Pariser Surrealisten liegen ihr genauso zu Füßen wie Picasso und Trotzki. Frida geht ihren eigenen Weg, ob sie mit ihren Bildern Erfolge feiert oder den Schicksalsschlag einer Fehlgeburt hinnehmen muss – doch dann wird sie vor eine Entscheidung gestellt, bei der sie alles in Frage stellen muss, woran sie bisher geglaubt hat.

Die Geschichte fokussiert sich also auf Frida Kahlos Weg zur Künstlerin sowie ihre Beziehung zu dem Maler Diego Rivera.

Die einzige infinitesimal kleine Kritik, die ich an diesem Roman habe, ist der Zeitsprung, der am Ende gemacht wird, gepaart mit der Frage, ob in der ausgelassenen Lebensperiode als selbstständige und unabhängige Künstlerin nichts erzählenswertes mehr passiert ist?

Ort der Handlung: überwiegend Mexiko

Also dass die Farbe Magenta etwas mit Mexiko zu tun hat, war mir neu. Ich muss gestehen, dass mir bei diesem Rotton zunächst nur die Deutsche Telekom in den Sinn kam. Überhaupt wusste ich bislang nicht viel über dieses Land, ausgenommen den Tag der Toten. Wie man aus dem zauberhaften Film „Coco“ lernen kann, werden am Día de los Muertos Fotos geliebter aber bereits verstorbener Personen aufgestellt, so dass sie das Reich der Toten an diesem Tag verlassen und mit den Lebenden feiern können. Alles wird bunt geschmückt, es gibt Musik und allerlei Köstlichkeiten. Ich finde dieses Fest so viel schöner als unseren tristen und düsteren Totensonntag.

Dieses Bunte, diese Lebensfreude vermittelt auch Caroline Bernard mit Ihrem Roman. Was ich jedoch immer noch nicht glauben kann, ist, dass es schon 1930 in Mexiko Zimtschnecken gegeben haben soll…

Jedenfalls hat sie mich furchtbar neugierig auf dieses Land gemacht. Ich musste die Lektüre dauernd unterbrechen, weil ich Wörter, Dinge und Personen recherchieren wollte. Wie sieht ein Jacaranda Baum aus? Wie schmeckt eine Pulquería? Wer waren Tina Modotti oder Concha Michel?

Sprachstil

Ich glaube, mit der Schreibweise dieser Autorin hat mein Lesestil seinen Seelenverwandten gefunden. Ich kann es nicht anders sagen: sie ist perfekt (für mich).

Besonders beeindruckt hat mich die Intensität der Emotionen, die in diesem Buch stecken. Ich wurde von der Gefühlswelt Frida Kahlos regelrecht mitgerissen, ob Lebenslust und Leidenschaft oder Wut und Verzweiflung. Der Roman zog mich förmlich in ihre Lebensgeschichte und ließ mich erst wieder los, als sie zu Ende erzählt war.

Was mir ebenfalls außerordentlich gut gefallen hat, war die Darstellung von Fridas Entwicklung zur Künstlerin. Durch die ausführliche und bildhafte Beschreibung, konnte ich die Kunstwerke direkt vor meinem inneren Auge sehen. Auch der künstlerische Schaffensprozess, also der Weg von Inspiration zum Bild wurde für mich greifbar. Ich konnte mich so gut in Frida hinein versetzen und nachempfinden, wie die Ideen aus ihr heraus wollten.

Charaktere

Ich mochte Caroline Bernards Darstellung von Frida Kahlos Charakter sofort. Dabei wusste ich rein gar nichts über die Protagonistin, noch nicht einmal, wie sie aussah. Aber die Autorin ließ sofort ein Bild in meinem Kopf entstehen: wild, bunt und lebensfroh, aber gleichzeitig auch zornig, enttäuscht und unsicher – eine innere Revolution, wie auf dem Klappentext zitiert. Dabei schoss mir unvermittelt der Gedanke an Scarlett O’Hara durch den Kopf.

Frida Kahlo ist zutiefst beeindruckend: Bei all dem Leid, das ihr wiederfährt, versinkt sie nicht in Selbstmitleid, sondern bewahrt sich ihre Lebensfreude und macht das Beste aus jeder Situation. Einfühlsam schildert die Autorin, wie sie sich immer und immer wieder durch ihre Malerei befreit. Wie ein Phoenix aus der Asche, erhebt sich Frida Kahlo nach jedem neuen Schicksalsschlag durch ihre Kunst noch bunter, noch selbstbewusster. Umso unverständlicher war mir jedoch, warum sie bei ihrem Talent so lange braucht, bevor sie versucht, von ihrer Kunst zu Leben. Der Grund, warum sie sich selbst lange Zeit immer so klein gemacht hat, könnte an der Beziehung zu Diego Rivera gelegen haben, der Liebe ihres Lebens.

Gegenüber dem männlichen Protagonisten war ich ehrlich gesagt aufgrund des Klappentextes etwas voreingenommen. Ich traute ihm von Beginn an nicht über den Weg und wartete gequält auf den Moment, da er Frida verletzen würde. Als langjährige Midgard-Rollenspielerin (Fantasy) weiß ich zwar, dass Aussehen und persönliche Ausstrahlung in beide Richtungen deutlich voneinander abweichen können, dennoch erschien es mir seltsam, dass der eher unattraktive Diego Rivera über eine Ausstrahlung verfügen soll, die alle weiblichen Personen in den Bann zieht.

Die Beziehung zwischen Frida und Diego ist äußerst kompliziert. Diego ist kein einfacher Charakter: In einem Moment herzlos, im nächsten wieder voller Liebe. Warum sich Frida immer wieder auf ihn einlässt, ihm immer wieder verzeiht, auch wenn er ihr die abscheulichsten Dinge antut, kann ich nicht nachvollziehen, auch wenn es auf mich vollkommen authentisch wirkt. Diese toxische Art einer Liebesbeziehung hat mich an das Buch „Die Zeit des Lichts“ erinnert. Im Gegensatz zu Man Ray hat Diego Frida jedoch immer dazu ermuntert, zu Malen. Nie hat er ihre Arbeiten als die seinen angesehen oder gar ausgegeben. Das muss man ihm zumindest zu Gute halten und es wird auch deutlich, dass er Frida auf seine verquere Art vermutlich wirklich geliebt hat.

Die Autorin wählt zur Veranschaulichung der komplexen Beziehung die Analogie eines Gummibandes: Dass sie weder mit noch ohne einander leben können, liegt daran, dass ihre Liebe eine gewisse Spannung braucht. Je stärker sie ist, desto mehr werden sie zueinander gezogen. Sind sie sich aber ganz nah, ist die Spannung dahin.

Zwei Punkte haben mich dabei besonders traurig gemacht:

  • Zum einen, dass Sie ihre eigene Karriere, ihre Fähigkeiten, Wünsche und Ambitionen hinter Diegos zurückstellt.
  • Und zum anderen, dass Diegos Verhalten Frida in ihrer eigenen Entwicklung derart beeinflusst, dass sie Schlussendlich seine Sichtweise auf die Liebe übernimmt und anderen denselben Schmerz zufügt, den sie selbst erfahren musste. Dabei kamen mir misshandelte Opfer, die später selbst zu Tätern werden, in den Sinn.

Wahre Geschichte? Romanbiografie

Ich hatte mir gewünscht, dass Caroline Bernard am Ende die Vermischung von Realität und Fiktion auflöst und wurde dabei mehr als überrascht. Ich hatte vermutet, dass die Geschichte näher am Roman als an einer Biografie ist, wie bspw. in Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“. Doch die Autorin hat ausgiebig und detailliert recherchiert und ein wirklich authentisches Bild von der Künstlerin gezeichnet. Neben Biografien stützt sie ihre Interpretation von Frida Kahlos Lebens- und Liebesgeschichte auf Briefe und Fotografien, besuchte die Casa Azul und studierte Gemälde. Einzig einige Ereignisse wurden für die Dramaturgie etwas umdatiert.

Fazit: Dieses Buch ist bunt!

Die Geschichte von Frida Kahlo hat mich sehr berührt. Zunächst einmal war ich natürlich erschüttert von dem vielen Leid, das die Protagonistin erdulden musste. Umso größer wurde meine Hochachtung vor dieser so starken und mutigen Frau.

Was bleibt, ist ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit, denn Caroline Bernard hat mir Frida Kahlo und ihre Heimat Mexiko wirklich nahe gebracht. Mir kommt es beinahe so vor, als hätte ich diese unglaubliche Frau wirklich kennenlernen dürfen.

Außerdem konnte ich mich so gut mit ihr identifizieren.

Abschließend beantworte ich mal für mich Frida Kahlos Frage: „ Was hat das Leben mir heute geschenkt? – Einige der schönsten Lesestunden des Jahres mit diesem wundervollen Roman über eine starke Frau, die sich die Welt schön malt!“

Buddyread

Vielen Dank an die liebe Ninespo für den schönen Buddyread. An manchen Stellen grenzte die Erfahrung schon fast an Gedankenübertragung, bspw. als wir unabhängig voneinander scheinbar zeitgleich auf die Seite 200 blätterten und beide völlig fassungslos beschlossen, Diego Rivera in diesem Moment einfach nur zu verabscheuen…

Buchreihe

Der Roman „Frida Kahlo und die Farben des Lebens“ ist Teil einer ganzen Reihe des Aufbau-Verlages über mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe. Caroline Bernard hat in diesem Rahmen auch noch „Die Muse von Wien“ geschrieben, dass blindlings auf meinem Wunschzettel gelandet ist.

Infos

Titel: Frida Kahlo und die Farben des Lebens

Autorin: Caroline Bernard

Verlag und Copyright: Aufbau Verlag

Erscheinungsdatum: 13. September 2019

Seitenzahl: 400

Preis: 12,99 € (Klappenbroschur)

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