Westwell von Lena Kiefer

Ich habe bisher alles von Lena Kiefer gelesen, aber „Ophelia Scale“ ist und bleibt meine absolute Lieblingsreihe, da kann auch ihre neueste Romeo & Julia Adaption nicht mithalten. Warum „Westwell“ trotzdem „Durchsuchtpotenzial“ hat, erfahrt ihr hier…

Buchreihe

  • Band 1: Westwell – Heavy & Light
  • Band 2: Westwell – Bright & Dark
  • Band 3: Westwell – Hot & Cold

Es handelt sich um eine Trilogie, die meines Erachtens nicht unabhängig voneinander gelesen werden sollte. Ich rezensiere hier alle drei Bände gemeinsam und um Spoiler zu vermeiden, solltet ihr immer nur so weit lesen, wie ihr selbst gerade seid. Sprich: Lest erst den Abschnitt zu Band II, wenn ihr den ersten Teil schon gelesen habt usw.

Worum geht’s?

In New York beherrschen zwei Familien den Immobilienmarkt: die traditionsreiche Familie Weston sowie die eher neureiche, aber nicht weniger einflussreiche Familie Coldwell. Als Konkurrenten um Macht und gesellschaftlichem Ansehen sind sie sich alles andere als wohlgesonnen, was insbesondere ihre ältesten Kinder zu spüren bekommen, die sich ineinander verliebt haben. Als sie ausgerechnet nach ihrer Verlobungsfeier tot aufgefunden werden, sehen sich die Eltern der Brautleute bestätigt, eine Hochzeit würde sie nur ins Unglück stürzen.

Adam Coldwell hinterlässt zwei jüngere Brüder: Jessiah (Jess) und Eliah; seine Verlobte einen jüngeren Bruder (Lincoln) und eine noch jüngere Schwester (Helena). Besonders mit letzterer war sie sehr freundschaftlich verbunden. Die Coldwells geben Valerie die Schuld am Tod von Adam und lassen nichts unversucht, um ihren Namen in den Dreck zu ziehen. Helena Weston, von ihrer Familie „zu ihrem eigenen Wohl“ ins Ausland verbannt, will nach ihrer Rückkehr die Unschuld ihrer Schwester beweisen und beginnt, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Dabei trifft sie auf Jess Coldwell, der ebenfalls nach New York zurückkehrt und die Geschichte wiederholt sich: auch sie verlieben sich ineinander. Doch eine erneute Verbindung zwischen den beiden Familien ist selbstverständlich undenkbar…

Meine Meinung

Wir haben es also einerseits mit einer großen Liebesgeschichte und andererseits mit einem Krimiplot zu tun. Mit dem Romeo & Julia-Setting habe ich so meine Probleme, denn ich kann es immer schwer aushalten, wenn Liebende davon abgehalten werden, zusammen zu sein. Und das zieht sich leider durch alle drei Bände. Außerdem finde ich schade, dass nicht wirklich erklärt wird, warum es diese Fehde zwischen den Familien gibt…

Charaktere

Die Figuren sind wie immer komplex konstruiert und lebendig gezeichnet.

Bei der Protagonistin bin ich allerdings etwas hin und her gerissen: Denn während Jess ganz offen gegen seine Mutter rebelliert – zumindest soweit es seinen jüngeren Bruder Eli nicht gefährdet – fügt sich Helena lange Zeit in ihr Schicksal. Ich meine, mir gefällt der Kniff, dass sie auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, solange sie noch keinen Zugriff auf ihr Treuhandvermögen hat und deshalb die Bevormundung ihrer Eltern über sich ergehen lässt. Aber insgesamt erscheint sie mir doch oft zu Heiligenartig.

Was Lena Kiefer mal wieder exzellent hinbekommen hat, ist die Dynamik zwischen den beiden, man kann das Knistern zwischen ihnen auf jeder Seite spüren.

Ganz im Stil von Shakespeares Original geben die Eltern perfekte Antagonist*innen ab, ich kann mich nur nicht entscheiden, wer den Preis für die fieseste Elternrolle erhält. Die offensichtlichste Wahl, insbesondere nach Band I, wäre wohl Jess‘ Mutter Trish, ein Charakter, dem man im wahren Leben nicht in die Quere kommen möchte. Aber zumindest bleibt sie sich treu: Eine eiskalte Geschäftsfrau, die über Leichen geht, um ihre Ziele zu erreichen. Spätestens in Teil III traue ich ihr wirklich alles zu. Allerdings frage ich mich, was ihr verstorbener Mann jemals an ihr gefunden hat, so liebevoll wie Jess von seinem Vater spricht.

Ganz anders Blake und Tobias Weston, die vermutlich selber glauben, sie tun das alles nur zu Helenas Bestem, obwohl allen klar ist, dass sie bereitwillig das Glück der eigenen Tochter opfern, um ihr gesellschaftliches Ansehen zu wahren. Ich meine, mal ehrlich: Wer bitte reißt sein Kind aus der gewohnten Umgebung, wenn die Schwester stirbt?

Glücklich zu sein ist nichts, was man seinen Eltern antut.

Lena Kiefer: Westwell – bright & dark, S. 278

Vor allem aber sind sie in ihrem Verhalten nicht stimmig, Tobias legt sogar gleich zweimal eine Kehrtwende hin: Erst wirkt er fast schon liebevoll, dann wird er richtig fies, und zum Schluss wechselt er wieder auf nett.

Lincolns Charakter macht wenigstens eine durchweg positive Entwicklung durch: vom Arschloch in Heavy & Light zum beschützenden großen Bruder in Hot & Cold…

Eliah ist mir von Anfang an sympathisch, allerdings hätte ich mir gewünscht, dass auch seine Verganenheit aufgeklärt werden kann. Vielleicht ist das ja aber Thema des Spin Offs „Cold Hart“, wenn wir für seine Geschichte nach New York zurückkehren.

Schreibstil

Wer schon mal ein Buch von Lena Kiefer gelesen hat, weiß, dass sie fesselnde Geschichten schreibt und als Cliffhanger-Queen bekannt ist. Dem Namen hat sie insbesondere in Teil II wieder alle Ehre gemacht. Wobei alle Bände foltermäßig spannend sind.

Ebenfalls wie erwartet, wird uns die Geschichte abwechselnd von beiden Protagonisten erzählt.

Und die Autorin schafft es wieder einmal genau die richtigen Emotionen hervorzurufen, bspw. hasse ich die Eltern aus vollstem Herzen.

Was mir mit jedem Band besser gefällt, ist die Atmosphäre New Yorks. Durch das Stadtführungs- und Restaurant-Setting wirkte es nicht nur wie eine Kulisse, sondern auch wie ein richtiger Schauplatz. Nach der Lektüre habe ich richtig Lust, meine Koffer zu packen.

Durch das High Society Setting hatte ich übrigens richtig starke The Bold and the Beautiful, Denver-Clan und Dallas Vibes.

Ebenfalls gut gefallen hat mir die Ermittlungskomponente.

Lena Kiefer: Westwell – HEAVY & LIGHT, Lyx-Verlag, 465 Seiten, 22.06.2022, 12,99 € (Klappenbroschur)

Klappentext

Unsere Geschwister starben, weil sie sich liebten. Jetzt sind wir dazu bestimmt, einander zu hassen. Aber was, wenn das unmöglich ist?
Als Helena Weston nach New York zurückkehrt, hat sie nur ein Ziel: den Ruf ihrer Schwester wiederherstellen, koste es, was es wolle. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Valerie und ihre große Liebe Adam nach einer Partynacht tot in ihrer Hotelsuite aufgefunden wurden, und seitdem lässt Adams Familie keine Gelegenheit aus, Valerie die alleinige Verantwortung am tragischen Tod der beiden zu geben. Einzig Helena glaubt fest an die Unschuld ihrer Schwester, und sie setzt alles daran, herauszufinden, was in jener schicksalhaften Nacht wirklich geschehen ist. Aber auf der Suche nach der Wahrheit kommt ihr ausgerechnet Jessiah Coldwell – Adams jüngerer Bruder – in die Quere. Helena weiß, dass sie Jess eigentlich mit jeder Faser ihres Seins hassen müsste. Und doch weckt er Gefühle in ihr, gegen die sie schon bald machtlos ist …

Meine Meinung

Der erste Band hat mir ganz gut gefallen, wobei mich das Ende etwas enttäuscht hat, weil es so vorhersehbar war. Eben ein Klassiker (und damit auch kein schlimmer Cliffhanger). Helenas Entscheidung passt zwar zu ihrem Charakter, aber irgendwie fehlt mir die Raffinesse. Außerdem hätte mir ein „Helena und Jess gegen den Rest der Welt“ besser gefallen (wäre aber natürlich auch nicht so dramatisch).

Und das sagt mein lieber Buddyread @ninespo

„Die Darstellung der Beziehung zwischen Helena und Jess war eines der Highlights des Auftaktbands. Lena Kiefer ist so unendlich gut darin, Emotionen in ihren Büchern zu transportieren. Und davon gibt es in Westwell – Heavy & Light eine ganze Menge. Und ich bin mit Helena und Jess durch jede davon gegangen.“

Lena Kiefer: Westwell – BRIGHT & DARK, Lyx-Verlag, 464 Seiten, 26.10.2022, 12,99 € (Klappenbroschur)

Klappentext

„Ich musste Helena vergessen, das wusste ich. Nur wusste ich eine Sache noch besser: dass es vollkommen unmöglich war.“
Helena vermisst Jess mit jeder Faser ihres Seins. Vor zwei Monaten musste sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen und sich von ihm trennen, und noch immer zerreißt ihr allein der Gedanke an ihn das Herz. Einzig ihre Nachforschungen zum Tod ihrer Schwester schaffen es, sie über Wasser zu halten. Doch als sie dabei auf eine Information stößt, die Jess’ gesamte Welt auf den Kopf stellen könnte, bleibt ihr nichts anderes übrig, als erneut Kontakt mit ihm aufzunehmen. Jess ist außer sich, als er erfährt, dass Helena im Todesfall ihrer Geschwister ermittelt, ist er doch überzeugt, dass sie sich dadurch in große Gefahr begibt. Daher beschließt er, ihr zu helfen – und obwohl beide wissen, dass sie nicht zusammen sein dürfen, ist es bald unmöglich, ihre Gefühle zu ignorieren …

Meine Meinung

Es ist schon länger her, dass ich den ersten Band gelesen habe, doch durch die eingewebten Erinnerungen und Rückblicke komme ich wieder gut in die Geschichte. Allerdings wird damit auch Tempo rausgenommen und es dauert fast ein Drittel des Buches, bis sich Helena und Jess begegnen. Das ist mir ehrlich gesagt etwas zu lang und verleitet zum oberflächlichen Lesen. Wie sie aber wieder zusammengebracht werden, gefällt mir gut, ebenso wie die Ermittler-Komponente, die jetzt so richtig in Gang kommt. Damit steigt auch die Spannung, bis die Seiten im letzten Drittel nur so dahinfliegen.

Der zweite Cliffhanger ist so fies, dass ich direkt mit Band III weitergemacht habe, haltet ihn also unbedingt bereit, bevor ihr Teil II abschließt.

Lena Kiefer: Westwell – HOT & COLD, Lyx-Verlag, 479 Seiten, 22.02.2023, 12,99 € (Klappenbroschur)

Klappentext

„Ich liebe dich, Helena. Wahrscheinlich sollte ich das nicht sagen, weil es alles nur schlimmer macht, aber ich kann nicht anders.“
Helena kann es nicht fassen: In dem Moment, als ihr Glück mit Jess endlich zum Greifen nah ist, wird es ihr schon wieder entrissen. Gerade haben die beiden beschlossen, sich all denen zu widersetzen, die ihre Liebe verhindern wollen, da greifen Unbekannte Jess an und verletzen ihn lebensgefährlich. Doch wer hat es auf ihn abgesehen? Und warum? Helena muss sich erneut auf die Suche nach Antworten begeben, die gefährlich eng mit dem Tod von Valerie und Adam verwoben sind. Und je näher sie der Wahrheit kommt, desto mehr fragt sie sich, ob sie und Jess jemals eine gemeinsame Zukunft haben können – oder ob ihre Liebe nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt war …

Meine Meinung

Der Anfang von Teil III ist genauso nervenzerreißend wie Teil II geendet hat. Da emanzipiert sich Helena endlich von ihren Eltern und dann macht der Überfall auf Jess ihre Pläne zunichte. Man kann das Buch wirklich erst wieder aus der Hand legen, wenn es Jess wieder gut geht. Seine Figur hat mir dabei besonders gut gefallen, denn er zieht sich nicht gleich die Kanülen aus den Armen und verlässt ungeachtet seiner schweren Verletzungen sofort heldenhaft das Krankenhaus, um seiner Liebsten beizustehen. Übrigens bröckelt in dieser Zeit auch Trishs Fassade ganz kurz und lässt doch mal etwas Mutterliebe durchblitzen. Aber natürlich hält das nicht lange… Der Liebestrip nach Neuseeland war daher eine wohlverdiente Auszeit für uns Leser*innen, auch wenn sie nicht so ganz ins Konzept gepasst hat (vor allem fand ich es etwas seltsam, dass Helena überhaupt kein Problem hatte zu Jess‘ Ex zu fahren…).

Die Auflösung des Angriffs war jedoch enttäuschend und mir einfach zu simpel.

Auch für den ganz großen Showdown und damit die Drahtzieher hinter Adams und Valeries Tod hätte es eine bessere Option gegeben. Ich finde es bei Kriminalgeschichten immer fürchterlich, wenn der Bösewicht erst ganz zum Schluss so richtig in Erscheinung tritt und man vorher keine Chance hat, auf die Lösung zu kommen. Stattdessen hält der Detektiv einen langen Monolog und haut auf einmal Erkenntnisse raus, die bislang nie zur Sprache kamen.

Ein Wort noch zu Lincoln und Paige: Sein Charakter steckt in einem moralischen Dilemma, was durchaus authentisch wirkt. Aber dass auf den letzten Seiten noch ein LGBT+ Aspekt reingedrückt wurde, wäre echt nicht nötig gewesen.

Last but not least hat sich meine Befürchtung leider bestätigt, dass wir auf ein Multi-Mega-Happy End zusteuern und sich alle auf einmal alle lieb haben. Sorry, aber das wirkte einfach unrealistisch.

Buddyread

Ich habe alle Bände mit der lieben @ninespo gelesen und kann euch einen Parallelread nur wärmstens empfehlen! Ihr müsstet mal unseren Chatverlauf sehen…

Fazit

Wir haben die Trilogie inhaliert, das sollte wohl für die Bücher sprechen. Aber… oft waren die ständigen Hochs und Tiefs etwas zu viel für mein Herz und der Plot zu Hoffnungslos. Ich möchte einfach nicht direkt wieder in ein dunkles Loch fallen, nachdem das Licht am Ende des Tunnels gerade erst erreicht wurde. Vor allem aber hätte ich mir etwas mehr gemeinsame Zeit mit Helena und Jess gewünscht.

Ich empfehle Westwell allen, die sich für ein Wochenende lang nach New York lesen möchten und keine Angst vor fesselndem Herz-Schmerz haben. Denn Wohlfühlbücher sind das definitiv nicht.

Dass die Trilogie in mein Bücherregal einziehen darf, hat sie in erster Linie ihrer traumhaften Aufmachung zu verdanken.

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