Yellowface von Rebecca F. Kuang

Schon die englische Ausgabe von „Yellowface wurde total gehypt. „Eine großartige Geschichte“ verspricht Stephen King und auch sonst überschlagen sich die positiven Kritiken. Jetzt ist der Roman auf Deutsch erschienen und die Leseprobe hat mich von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen, so dass ich es kaum erwarten konnte weiterzulesen…

Klappentext

June Hayward und Athena Liu könnten beide aufstrebende Stars der Literaturszene sein. Doch während die chinesisch-amerikanische Autorin Athena für ihre Romane gefeiert wird, fristet June ein Dasein im Abseits. Niemand interessiert sich für Geschichten „ganz normaler“ weißer Mädchen, so sieht es June zumindest.
Als June Zeugin wird, wie Athena bei einem Unfall stirbt, stiehlt sie im Affekt Athenas neuestes, gerade vollendetes Manuskript, einen Roman über die Heldentaten chinesischer Arbeiter während des Ersten Weltkriegs.
June überarbeitet das Werk und veröffentlicht es unter ihrem neuen Künstlernamen Juniper Song. Denn verdient es dieses Stück Geschichte nicht, erzählt zu werden, und zwar egal von wem? Aber nun muss June ihr Geheimnis hüten. Und herausfinden, wie weit sie dafür gehen will.

Meine Meinung

Um es kurz zu machen: „Yellowface“ ist eine fantastische Geschichte. Auch wenn ich gar nichts über die Rolle chinesischer Arbeiter im ersten Weltkrieg erfahren habe (und das hätte mich tatsächlich interessiert, wenn dazu also jemand eine wahre Geschichte auf Lager hat: ich würd’s lesen).

Das vorherige Buch der Autorin – „Babel“ – wurde ebenfalls sehr gehypt, konnte mich allerdings nicht völlig überzeugen. Aber daher weiß ich bereits, dass Rebecca F. Kuang intelligente Plots entwerfen kann, Gesellschaftskritik elegant in ihre Texte einfließen lässt und ein besonders feines Gespür für Sprache besitzt.

Genauso ging es mir bei der Überarbeitung von Athenas Werk. Sie hat eine bessere Schriftstellerin aus mir gemacht. Es war unheimlich, wie schnell ich ihre Fähigkeit aufsaugte; als hätte das ganze Talent nach ihrem Tod eine Zuflucht gesucht und wäre dann bei mir gelandet.

Rebecca F. Kuang: Yellowface, S. 50

Dass ich aber so schnell in die Geschichte gezogen werde, hätte ich nicht gedacht. Durch die gewählte Ich-Perspektive tauchen wir tief in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin ein. Die Autorin beschreibt gekonnt, wie sich June immer weiter in die Geschichte verstrickt. Und anfangs hatte sie selbstverständlich nie die Absicht, sich den Text zu eigen zu machen.

Es ist nicht so, als hätte ich mich hingesetzt und einen bösen Plan geschmiedet, um von der Arbeit meiner toten Freundin zu profitieren.

Rebecca F. Kuang: Yellowface, S. 40f.

Aber dann passiert natürlich genau das und ich fand es unglaublich spannend zu verfolgen, wie sie sich selbst immer mehr davon zu überzeugen versucht, dass sie völlig logisch; ja sogar im besten Sinne Athenas und der chinesischen Arbeiter, dessen Geschichte doch erzählt werden muss, handelt. Außerdem steht ihr doch bei der ganzen Arbeit, die sie in das Projekt gesteckt hat, auch der Ruhm und die Ehre dafür zu oder nicht?

Ich habe jahrelang an meinen Fertigkeiten gefeilt. Die ursprüngliche Idee für diesen Roman kam vielleicht nicht von mir, aber ich bin diejenige, die ihn gerettet und den ungeschliffenen Diamanten zum Glänzen gebracht hat.

Rebecca F. Kuang: Yellowface, S. 59

Und so rutscht June immer tiefer in ein Lügenkonstrukt, aus dem sie nicht mehr herausfindet. Oder vielleicht doch?

Dabei fand ich interessant, in welche Richtung meine Gedanken zu ihrem Handeln wanderten, denn obwohl es objektiv betrachtet selbstverständlich ein Plagiat ist, ertappe ich mich dabei, wie ich den Atem anhalte, wenn sie wieder einmal kurz davorsteht, erwischt zu werden. Auch wenn sie keine sympathische Figur ist – missgünstig, egoistisch, voller Neid (wie sie bspw. Athenas Mutter manipuliert ist schon richtig durchtrieben böse) – wünscht man sich fast, dass sie damit durchkommt. Einen solch kontroversen Charakter zu erschaffen, dessen Wahrnehmung von richtig und falsch völlig verzerrt ist, den man aber trotzdem auch irgendwie verstehen kann, ist schon ganz großes Kino…

Athena hingegen kam mir anfangs nett und fast schon vollkommen vor, was seltsam erscheint, da ich sie ja auch nur durch Junes Beschreibungen kennenlerne. Doch im Verlauf der Lektüre bröckelt das Bild der unfehlbaren Autorin und wir können erkennen, dass sie selbstverständlich auch nicht perfekt ist. Stattdessen stellen sich langsam Fragen, ob bspw. die asiatischen Wurzeln einer Chinesin eigentlich schon ausreichen, um auch die Geschichte einer koreanischen Figur zu erzählen. Oder ob man vom Leid anderer profitiert, wenn man mit einem Roman erfolgreich ist, der auf einer dramatischen realen Begebenheit beruht?

Die letzte Frage beantwortet June für sich und die Öffentlichkeit auf zwei völlig verschiedene Arten:

Wir sind alle Geier, und einige von uns – und damit meine ich Athena – sind besonders gut darin, die saftigsten Brocken einer Geschichte zu finden (…).

Rebecca F. Kuang: Yellowface, S. 130

„Ich glaube, dieses Unbehagen an meinem Text über tragische Dinge kommt von dem generellen Unbehagen an der Tatsache, dass sie wirklich passiert sind.“

Rebecca F. Kuang: Yellowface, S. 131

Was die restlichen Figuren in diesem Roman angeht, so bilden sie eher den Rahmen und dienen ganz der Vervollständigung unseres Bildes, dass wir von June und Athena erhalten.

Charaktere und Handlung bieten uns einen interessanten Einblick in die Literaturbranche und Verlagswelt. Fast schon satirisch schildert Rebecca F. Kuang die Prozesse von der Entstehung bis zur Vermarktung eines Romans und greift dabei Themen wie kulturelle und literarische Aneignung sowie die Own-Voice Debatte auf.

„Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der wir Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diktieren, worüber sie schreiben dürfen und worüber nicht. (…) Man kann einen Text anhand der literarischen Qualität bewerten und anhand historischer Darstellungen – gewiss. Aber ich sehe keinen Grund, warum ich mich diesem Thema nicht annehmen sollte, wenn ich bereit bin, dafür zu arbeiten.

Rebecca F. Kuang: Yellowface, S. 129

Außerdem bezieht die Autorin auch uns Buchblogger*innen mit ein und verdeutlicht, wie viel Macht hinter Social Media steckt.

„Yellowface“ besticht für mich also vor allem durch seine philosophisch-moralische Metaebene, die zahlreiche Denkanstöße bietet.

  • Ist es wirklich so verwerflich, eine solche Gelegenheit zu nutzen? Schließlich ist Athena tot und June kann ihr damit nicht mehr schaden, oder? Wie würden wir uns in einer solchen Situation verhalten?
  • Natürlich bleibt es Betrug und zumindest June wüsste davon. Wie lebt es sich mit so einer Lüge? Können Schuldgefühle in den Wahnsinn treiben?

Und unabhängig vom Plagiat:

  • Darf ein Verlag ein Pseudonym vorschlagen, um damit eine passende Herkunft vorzutäuschen?

Mein vielleicht einziger klitzekleiner Kritikpunkt betrifft das Ende: Die Auflösung ist zwar raffiniert, aber zugleich auch etwas vorhersehbar – es liest sich spannend wie ein Thriller, hält aber keine überraschenden Blogtwists bereit.

Fazit

„Yellowface“ ist ein ganz besonderes Leseerlebnis und eine unglaublich intelligent und fesselnd geschriebene aktuelle Gesellschaftssatire über unsere heiß geliebte Buchbubble.

Kostenloses Rezensionsexemplar

Ich habe dieses Buch als kostenloses Rezensionsexemplar von Vorablesen zur Verfügung gestellt bekommen. Dies beeinflusst in keiner Weise meine Meinung.

Bibliografie

Titel: YELLOWFACE
Autorin: Rebecca F. Kuang
Übersetzung: Jasmin Humburg
Verlag & Copyright: Eichborn
Seitenzahl: 383 
Erscheinungsdatum: 29. Februar 2024
Preis: 24 € (Hardcover)

Beitrag erstellt 356

Ein Gedanke zu „Yellowface von Rebecca F. Kuang

  1. Hallo Ivonne,

    eine tolle Rezension zu Yellowface.
    Ich habe das Buch vor kurzem beendet und fand es ebenfalls klasse. Mir haben die Einblicke in die amerikanische Verlagswelt gefallen, aber auch wie sich die Spannung immer weiter aufbaut. Ich empfand ebenfalls wie ein Thriller. Die Auflösung war für mich auch vorhersehbar und ich hätte mir noch gerne einige Seiten mehr gewünscht, nach der Auflösung. Ich hatte das Gefühl, dass dann die Geschichte erst so richtig losgegangen wäre.

    Im großen und Ganzen empfand ich Yellowface eine mitreißende, fesselnde Geschichte mit wichtigen Themen, die zum Nachdenken anregen.

    Liebe Grüße
    Nico 🙂

    P.S.: Meine Rezension zum Buch kannst du hier nachlesen:
    https://buecherstube-buchblog.blogspot.com/2024/03/yellowface-von-rebecca-f-kuang.html

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