Der blaue Express von Agatha Christie

Das 16. Türchen meines buchigen Adventskalenders enthielt einen mir unbekannten Hercule Poirot, aber Cover und Klappentext sahen sehr vielversprechend aus. Mir gefallen die Farben, auch wenn sie etwas verblasst erscheinen. Aber dadurch hat es etwas künstlerisches. Der Titel erinnert natürlich an den allseits beliebten Krimi „Der Orient-Express“, daher war ich sehr gespannt auf die Geschichte.

Dieser Roman beginnt nicht wie üblich mit einem Mord sondern zunächst mit einer sehr ausführlichen Hintergrundgeschichte des Opfers (lt. Klappentext). Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn meine Probleme damit hatte, denn besagte Ruth Kettering war mir schnell ans Herz gewachsen. Derartige Empfindungen sind mir bei Agatha Christies Opfern sonst eher fremd. Außerdem wusste ich damit schon, auf welches Verbrechen es hinausläuft.

Die Geschichte dreht sich um den Millionär Rufus van Aldin, dessen Tochter Ruth im „blauen Express“ auf dem Weg an die Riviera erdrosselt wird. Sie hatte unsagbar wertvolle Juwelen bei sich, die nach dem Mord unauffindbar sind. Doch war es nur ein simpler Raubmord oder wollte der Ehemann dem finanziellen Ruin durch die bevorstehende Scheidung entgehen? Sämtliche weiteren Figuren des Romans, einschließlich Hercule Poirot, scheinen ebenfalls mit an Bord gewesen zu sein.

Was mir an diesem Buch natürlich sehr gut gefallen hat, war der Seitenumfang. Hier hat man auch als Agatha Christie Leserin mal so richtig was zu schmökern. Insbesondere, da die Geschichte nicht aufgebläht wurde, sondern jede einzelne Seite ihre Berechtigung hat. Im Nachhinein betrachtet also auch die Vorgeschichte, zumal diese nicht gänzlich ohne Reiz bleibt. Außerdem wurde ein weiterer sympathischer Charakter eingeführt – und nein, ich meine nicht Hercule Poirot, von dem ich auch eher behaupten würde, dass er mich fasziniert; sympathisch ist bei ihm das falsche Wort.

Auffällig an dieser Geschichte finde ich, dass ausnahmslos alle anderen Charaktere mehr oder weniger auf der dunklen Seite des Lebens stehen (bitte entschuldigt die Wortwahl, aber ich habe gerade Star Wars gesehen). Das heißt natürlich nicht, dass es ihnen an Charisma fehlen würde, ganz im Gegenteil.

Obwohl Poirot bereits in der Mitte des Buches eine entsprechende Warnung an jemanden ausspricht, die den Täter erkennen lässt, habe ich bis zum Schluss nicht daran geglaubt, da ich mir die Hintergründe nicht zusammenreimen konnte, obwohl alle notwendigen Informationen bereits schwarz auf weiß vor mir lagen und ich sie auch gelesen, aber wohl vielmehr überlesen habe.

Fazit

Ein erstklassiger Poirot mit so richtig was dran (also auch für Schnellleser). Es bleibt dieses Mal bei nur einem Mord, der aber eine wirklich interessante Geschichte hat, in der charismatische Gestalten aus der Unterwelt eine nicht unwichtige Rolle einnehmen.

Um es mit den „Drei Fragezeichen“ zu sagen: es geht zwar nicht um ein „feuriges Auge“ (Die drei Fragezeichen und der Fluch des Rubins), wohl aber um den berühmten Rubin: das „Feuerherz“. Und es kommt ein „Gentleman Meisterdieb“ darin vor (Die drei Fragezeichen und das Erbe des Meisterdiebs), sozusagen ein „Meister der Maske“ (Die drei Fragezeichen und der Teufelsberg). Ich hoffe damit habe ich jetzt nicht zu viel verraten…

Exkurs: Agatha Christie und „Die drei Fragezeichen“

Warum ich jetzt auf die, insbesondere durch die Hörspiele bekannten Geschichten aus meiner Kindheit komme? Ganz einfach: Es ist bereits das zweite Mal, dass ich in einem Agatha Christie Roman Parallelen zu den „Drei Fragezeichen“ entdecke.

Die erste fand ich in „Ein Mord wird angekündigt“, wo angemerkt wird, dass man Spinnweben für offene Wunden verwendet. Das gleiche versucht auch Tante Patricia in „Die drei Fragezeichen und die singende Schlange“, um die Blutung an Allies Knie zu stoppen. Ich weiß noch, dass mir diese Vorgehensweise so absurd vorkam, dass ich mir nicht im Traum vorstellen konnte, es wäre tatsächlich ein altes Hausmittel. Insbesondere da die Figur von Patricia Osborn als ein wenig verrückt dargestellt wird. Aber als ich dann auch bei Agatha Christie den Verweis auf Spinnweben fand, war ich so neugierig, dass ich etwas recherchiert habe und es scheint tatsächlich etwas dran zu sein: zumindest erforschen Wissenschaftler schon seit langem die heilsame Wirkung von „Spinnenseide“.

In „Der blaue Express“ fand ich in der Handlung des Compe de la Roche eine weitere Übereinstimmung: Denn auch bei den Detektiven aus Rocky Beach ist es eine bewährte Methode, ein Haar zu verwenden, um festzustellen, ob in ihrer Abwesenheit jemand ihre Schubladen, Schrank- oder Zimmertüren geöffnet hat. Und jetzt wüsste ich wirklich gern, ob das noch in anderen Kriminalgeschichten vorkommt?

Dann hob er die Hand an den Kopf und riss sich mit einer kleinen Grimasse ein einzelnes Haar aus. Er legte es auf den Rand der Schublade und verschloss sie sorgfältig wieder.

Agatha Christie (2019, Atlantik): Der blaue Express, S. 171

Infos

Titel: Der blaue Express

Autorin: Agatha Christie

Übersetzung: Gisbert Haefs

Verlag und Copyright: Atlantik im Hoffmann und Campe Verlag

Seitenzahl: 320

Erscheinungsdatum: 14.03.2018

Preis: 12 € (Taschenbuch)

Infos zu den Drei Fragezeichen

Durch meinen Bruder habe ich in frühester Kindheit diese Hörspielreihe von EUROPA (Sony Music) kennengelernt. Es handelt sich um die Detektivabenteuer der Jungen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews aus der fiktionalen Stadt Rocky Beach in der Nähe von Los Angeles. Erst später habe ich angefangen, auch die zugrundeliegenden Bücher aus dem KOSMOS Verlag zu lesen.

Autoren der hier genannten Die drei Fragezeichen-Bände bzw. -Folgen:

  • Robert Arthur: … und der Fluch des Rubins
  • André Marx: Das Erbe des Meisterdiebs
  • William Arden: … und der Teufelsberg
  • M. V. Carey nach der Idee von Robert Arthur: … und die singende Schlange
  • Live-Mitschnitt: Master of Chess (Autorin: Stefanie Burkart)
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